Sonntag, 19. September 2010

Darling,Romane schreiben sich auch nicht von alleine.

Ab und an kommt ja in einem jeden von uns die Abenteuerlust durch. Bei manch einem bedeutet das Waghalsiges und höchst Riskantes, wie beispielsweise das hemmungslose Urinieren unter der Dusche, und das OHNE sakrotan gesponsorte Tiefenhygienereinigung inklusive anschliesender Dekontamination sämtlicher sich in Reichweite befindlicher Gegenstände des selbstverständlichen, alltäglichen Pflegebedarfs, wie zum Beispiel der neueste Duft von Hugo Boss- jetzt auch für den metrosexuellen Mann. Da wir aber naturgemäß nicht alle zu derartigen Gefährdungen unserer Gesundheit geboren sein können, sieht das Risiko, das andere Zeitgenossen auf sich nehmen, um ihrem sonst faden und trostlosen Leben zwischen dem letzten Tatort und der nächsten Lady Gaga Lifeübertragung die nötige Würze zu geben, auch etwas anders aus. Manch einer mag von Hochhäusern springen, bekleidet einzig und allein mit einem übergroßen atmungsaktiven Kondom und einem Fallschirm und das ganze Unterfangen "Sport" nennen, andere wiederrum nehmen illegale Substanzen zu sich und springen danach ohne Fallschirm von Hochhäusern- dafür aber sicherlich besser gekleidet. Ich hingegen weigere mich, mich mit derartigem Nonsens abzugeben und begebe mich lieber auf weitaus gefahrvollere und unergründetere Pfade:
Ich verlasse die Großstadt. Und besuche meine Eltern. Auf dem Land.
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(Die Leerzeile bitte mit einem selbst erdachten Ausdruck abgrundtiefen Entsetzens füllen. Als Starthilfe empfehle ich die möglichst bildliche Vostellung eines Massenauffahrunfalls auf der A8, die erste, spontane Assoziation, die einem zu "Meine Eltern beim Sex erwischen" einfällt oder auch jede beliebige deutsche Castingsshow).
Ja, ich weiß. Es ist riskant. Es ist waghalsig. Keiner weiß, was mich erwartet- Freunde, es gibt Bilder, die kann man nicht mehr aus seinem Kopf löschen. Und trotzdem hat mich der Reiz des Unmöglichen überwältigt, der gefahrvolle Weg war zu verlockend, der Ruf des Verbotenen hat mich quasi übermannt und ich! Bin ihm gefolgt, die Warnhinweise auf der kunstvoll gestalteten und unmöglich ohne Nervenzusammenbruch zu öffnenden Verpackung ignorierend, die Bilder von gezeichneten Opfern ausblendend, die inbrünstigen Reden des Gesundheitsministers überhörend- und bin nach hause gefahren.
Doch damit nicht genug, meine treuen, nach Spannung und Abenteuer lechzenden Leser. Nein, damit nicht genug.
Wer in den Amazonas fährt und ein wahrer Dundee ist, der gibt sich nicht mit dem schieren Urwald zufrieden, nein. Ein echter Dundee wird barfuß durch mit Mücken, Wasserschlangen und Penisfischen übersättigte Gewässer waten, ohne Sicherheitsweste, ohne Autan, und ganz sicher ohne Parfum von Hugo Boss. Wobei das eventuell gegen die Mücken helfen könnte.
Ein echter Dundee wird nicht einfach an der Höhle des Djungelmonsters vorbeischleichen, nein, er wird erst Klingelputz machen, dann die Zeitung klauen, dann auf die Fussmatte kacken und DANN weglaufen.
Ein echter Dundee wird also auch nicht einfach nur seine Eltern besuchen fahren, selbst dann nicht, wenn diese im akuten Gefahrengebiet von unter 10 Menschen pro Quadratmeter Wohnraum leben.
Nein, ein echter Dundee geht in die Dorfdisko.
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(Diese Leerzeile wiederum steht für das ungläubige, schreckensstarre Schweigen, in das ihr gerade verfallen seid. Ich denke, hierfür benötigen wir keine Denkanstöße, die alleinige Rezitation des veralteten, aber immernoch wirkungsvollen Wortes 'Dorfdisko' (und jetzt alle-) sollte in diesem Falle genügen).
Dies nun also, meine verehrten Leser, habe ich gestern Abend getan. Und bevor ihr jetzt aufspringt um einen Preis ins Leben zu rufen, der die Härtesten der Härtesten unter uns posthum für ihre Errungenschaften auf dem Gebiet der Erforschung des Grenzbereichs des psychisch Ertragbaren ehrt: ich habe überlebt.
Denn trotz dem quasi terroristischen Anschlag auf mein Gehör, der tristen und leeren Tanzfläche, dem Nichtwissen des Barkeepers über ein Getränk namens Aperol sowie der unerträglichen Anwesenheit von schlecht gestylten Ureinwohnern- ich habe mich durchgebissen. Ich habe mich durch den reißenden Fluß aus geschmacklosem Bier gekämpft, bin dabei nicht über Los gegangen und habe keinen Penisfisch mitgenommen. Ich habe an der Tür des Ungeheuers geklopft, ihm die Zunge rausgestreckt und bin davon gerannt. Gott sei Dank sind ländliche Ungeheuer durch extrem schlecht sitzende Kleider und billige High Heels in ihrer Beweglichkeit gehemmt und konnten mich deswegen nicht einholen; und das obwohl meine Sinne durch 600, die verlassene Wüste einer Tanzfläche verschleiernde, Kubikliter Trockeneisqualm eingeschränkt waren.
Obwohl also alle nur irgend erdenklichen Gegebenheiten gegen mich gepolt waren, habe ich dieses Abenteuer überstanden, schweißgebadet und stinkend, mit zerissenen Kleidern und natürlich mit einer wunderschönen Frau in meinen Armen.
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(Diese Zeilen stehen für das, was die wunderschöne Frau und ich nach Drehschluss taten. Wessen Fantasie ich hierfür anregen muss, der schalte jetzt bitte seinen PC ab, gehe in die nächste Bar und reiße sich ein sexuell williges Wesen auf, gehe mit selbigem nach Hause, reiße ihm respektive ihr die Kleider vom Leib und lasse sich mal richtig durchknallen. Es tut Not.)
Wie dem auch sei, liebe Freunde, ein Abenteurer wie ich kann nie genug bekommen. Deswegen wird dieses Abenteuer mit Sicherheit nicht das Letzte gewesen sein. Vielleicht nehme ich mir als nächste Herausforderung die ländliche Familienfeier oder den geruhsamen Sonntagsspaziergang vor. Aber- immer nur eine Palliette auf einmal. Selbst ein wahrer Held wie ich braucht gelegentlich ein bisschen Ruhe. Deswegen werde ich mich jetzt einige Zeit wahrscheinlich doch am Hugo Boss laben, ein Loblied auf die Erfindung der U-Bahn singen und die Zeit zwischen dem Tatort und dem Lady Gaga Konzert mit noch so manch anderen, erquicklichen Dingen zubringen.
Und mir vielleicht doch noch ein bisschen Zeit bis zum nächsten Wolkenkratzer lassen.

Danksagung:
Ich danke all den wundervollen Menschen, die es unter Einsatz all ihrer Kräfte schaffen, in dieser trostlosen Wüste zu leben und mir jedes Mal, wenn ich hier bin, erneut Halt geben. Außerdem möchte ich meinen Eltern danken, die immer an mich geglaubt haben und die ich nie beim Sex habe beobachten müssen; ich danke meiner Oma, meinem toten Kater, meinem Agenten, meinem Produzenten, meinem Zahnarzt, den Herstellern von günstigen Doppeldeckerkeksen, ich danke der Academy, meinem Großonkel väterlicherseits, meinem Chaffeur, meinem Frisör, meinem Privatchocolatier und der U.S. Marine.
Nicht danken möchte ich der deutschen Bahn.

[Die Autorin distanziert sich vorab von Plagiatsanschuldigungen. Klagen werden ignoriert und als Brennmaterial für kalte Winter gesammelt.]

Amen.

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