Freitag, 25. April 2014
Ein Plädoyer
Man sitzt in einem Zimmer, das einem, in dem man mal gewohnt hat, zum Verwechseln ähnlich sieht. Aber gleichzeitig ist es vollkommen anders. Nicht, weil die Möbel anders angeordnet wurden. Nicht, weil die Bilder an der Wand nicht mehr die eigenen sind, fremde Freunde zeigen, die man noch nie getroffen hat und die einem jetzt strahlend von der Zimmerwand entgegen lächeln.
Es ist die Kombination, der Schrank, in dem vor sieben Monaten noch die eigenen Hosen und Pullis gestapelt waren, und in dem jetzt zweifelsohne die einer anderen Person aufbewahrt werden (man hat nicht nachgeschaut, aber die Logik legt Schlüsse nahe). Der Schreibtisch, der zu Zeiten der eigenen Regentschaft noch überhäuft mit Zettelchen und unabgearbeiteten, umgeschriebenen To-Do-Listen war und der jetzt, sauber und aufgeräumt, an anderer Stelle steht. Es ist die Pinwand, an der die eigenen Bilder und Postkarten hingen und von der aus man nun von besagten Fremden angegrinst wird, als wüssten sie genau, wie seltsam man sich fühlt. Wie ein Eindringling im eigenen Haus.
Und wahrscheinlich ist man das auch. Man war weg, jetzt ist man wieder da, alles wie gehabt. Wirklich? Man kommt zurück in seine Stadt und nichts hat sich verändert die Enttäuschung ist groß - wirklich?
Irgendwie ja, aber eigentlich nein.
Auf den ersten Blick ist alles gleich. Der Bus fährt nach wie vor nur zwei Mal die Stunde. In der WG hängen noch dieselben Poster an der Wand. Es ist Ende April und tagsüber warm, nachts donnert es. Alles, wie es letztes Jahr auch war.
Aber sobald man das große Ganze verarbeitet hat und sich den Details zuwendet findet man die Unterschiede. Findet man die Läden, die geschlossen und neu eröffnet haben. Die Bilder, die abgehängt und durch neue ersetzt wurden. Das Zimmer, das seltsam gleich, aber eigentlich völlig anders ist.
Sieben Monate sind keine lange Zeit, aber sie ist ausreichend. Um sein altes Leben zurückzulassen und sich ein neues zu suchen. Um neue Freunde zu finden und dann wieder aus den Augen zu verlieren. Um sich selbst zu verändern.
Vermutlich ist das auch der Hauptgrund, weswegen man sich nach kurzen sieben Monaten in seinem alten Zimmer wiederfindet und so fasziniert das Mobiliar bewundert, als stünde man immer noch in der Tate, anstatt in seiner WG in Tübingen. Man selbst hat sich verändert, und damit hat sich die Sicht auf die Dinge verändert. Der nächtliche Donner erinnert einen vage an den vergangenen Sommer, aber trotzdem ist er eigentlich etwas ganz anderes.
Es ist so, aber; es fühlt sich so an, aber. Es ist alles irgendwie das eine, aber auch das andere, und im Grunde weiß man nicht so genau, man kann die richtige Stelle nicht finden und kratzt sich den Rücken wund auf der frenetischen Suche nach dem einen Punkt, der, an dem man wissen wird: hier. Das ist es, deswegen juckt es, deswegen ist alles jetzt so und nicht mehr anders. Und macht das was? Nein.
Das Leben ist nicht gradlinig und manchmal lebt man auf hermeneutischen Zirkeln. Kreist um einen Punkt, weitet seinen Kreis aus, verengt ihn wieder und denkt sich auf einmal, aha! So ist das also. Man mag zurückkommen, aber ein Teil von einem bleibt weg und wird auf dem Weg durch einen neuen ersetzt; oder die Summe des Ganzen wird einfach größer. Erfahrungen, Freundschaften, neue Ideen. So ist das also.
Und so sitzt man also in einem Zimmer, das einem, in dem man mal gewohnt hat, zum Verwechseln ähnlich sieht. Und denkt sich, Veränderung ist gut. Weggehen ist gut, wiederkommen aber manchmal auch.
Auch wenn hinterher alles anders ist - oder gerade deswegen.
Dienstag, 15. April 2014
Veraltete Zahnbürste in Grün (Ursprungsfarbe)
Wenn ich mir die Statistik hier so anschaue, dann bekomme ich das peinlich berührte Gefühl, dass es mit meiner Motivation ein wenig den Abhang hinunter rollt. Oder, man könnte meinen, es ginge bergab, drastisch, geradezu, mit Schwung und Fahnen. Fakt ist aber, und das will ich jetzt nur mal am Rande erwähnt haben, um meine Ehre, meinen Stolz und bei der Gelegenheit auch gleich Usbekistan zu retten (wie ich das bewerkstelligen will erkläre ich dann später*), dass es in meiner Postliste, hier hinter dem ansprechenden lila in meinem Privatkabuff voller abstruser Ideen, vor Posts nur so wimmelt. Wenn jeder Post eine Mücke wäre dann herrschten hier geradezu finnische Verhältnisse im Sommer am See. Gut die Hälfte besagter Mücken (wenn das jetzt nicht ganz akkurat stimmt und es nur ein Drittel oder neunzehn Zweiunddreisigstel sind, dann sehe man darüber hinweg, mache ein Auge zu und darauf folgend wieder auf, denn, Obacht, der kommt flach, mit dem Zweiten sieht man besser. Chr chr.) sind nämlich unveröffentlicht. Da das ein wenig seltsam anmutet im Bezug auf Mücken werde ich nun wieder von Posts sprechen: Mücken, im Folgenden "Posts" genannt - alle Namen sind geändert, Ähnlichkeiten mit real existierenden Insekten (oder dem antiquierten, und doch nach wie vor kalifengleich anmutigen Spruch unter dem Titel in besagtem ansprechendem lila) sind Rainer Zufall.
156 an der Zahl. Wenn ich mich so durch die Liste (sc)rolle, dann entfaltet sich da eine ungeahnte EntwurfEntwurfEntwurf-Häufung, die jetzt bitte nicht mit der deutlich weniger angenehmen Auswurf-Häufung zu verwechseln ist (Klammer eins: ich meine, das kommt jetzt auf euer Urteil hierüber an; aber ich gehe einfach mal selbstbewusst davon aus, dass ihr meinen Blog nicht unbedingt mit Auswurf gleichsetzt, wenn ihr ihn immer noch lest. Falls ein oder zwei Hater unter euch seien sollen, die sich jetzt übergangen fühlen: bitteschön, hiermit sei das Wort auch an euch gerichtet. Und ihr könnt das hier gerne für Auswurf halten, geht doch nichts über eine anregende Meinungsverschiedenheit!)(Klammer zwei: Mensch, der humoristische Bodenbelag scheint mir geradezu in die Wiege gelegt worden zu sein.) (Ich bitte um Verzeihung, aber ich konnte mich nicht entscheiden, welche Klammer mir passender erschien, also habe ich beide genommen; wenn man schon Sätze von hier bis Taiwan schreibt, dann kann man sie ja wenigstens durch die vereinzelte gebogene Linie gliedern. Außerdem möchte ich anmerken, dass ich, wenn ich eines Tages dieselbe Erklärung [Ich konnte mich nicht entscheiden, deswegen habe ich beides genommen] in Bezug auf meinen neuen Privatjet und/oder Stretchlimousine geben kann/werde, dann dürft ihr mir wahlweise zu meinem Reichtum oder meinem Wahnsinn gratulieren - oder beidem. Erwähnte ich schon mal das Problem mit der Ambivalenz? ...). Ja, da staunt ihr, da hat jetzt nochn Satz aufgehört.
In jedem Fall - die überwältigende Vielfalt unveröffentlichter Posts. Wie konnte das nur passieren, fragt man sich, insbesondere, da die Unveröffentlicht-Häufung im Laufe der Zeit zunimmt. Tja, man weiß es nicht, man weiß es nicht. Altersbedingte Vergesslichkeit. Anderweitige, unglaublich wichtige Verpflichtungen. Bier im Wechsel mit Kaffee, um den Puls ausgeglichen zu halten. Das Übliche eben, man kennt das ja.
Vielleicht werde ich mal recyclen. Oder einfach wieder weniger darüber nachdenken, was Mensch so denkt von all dem hier, radikal veröffentlichen und allem dann ein nettes Label - "Postironie" "Postdadaismus" Postpostism"; die Post scheint der große Renner zu sein unter den Literaturwissenschaftlern. Und ach ja, da war wieder einer, ein akuter Tiefflieger mit Neigung, den Boden zu streifen. Es sei euch freigestellt, euer Lachen im Flur zu vergessen - aufsetzen. Okay, ich gebe zu, manche Sätze verwirren mich ja schon auch. Ich habe mal von einem Buch gehört, das kam in Einzelseiten zum Selbstzusammensetzen. Vielleicht mach ich das auch mal, einzelne Sätze im Baukastensystem. Würde wahrscheinlich im Endeffekt ähnlich viel Sinn ergeben.
Wie auch immer. Bleibt nur noch zu sagen, dass
a) Das Studentenfutter Exotic viel besser ist als das normale,
b) Die Ukulele das majestätischste Instrument auf dieser unseren Erde ist,
c) Nymphomaniac verdammt nochmal ein hervorragender Film ist. Filme. Film. Whatever.
Somit - FIN, wie beim Asterix immer drunter steht.
Abschlussflsokel, Hackenschlag!
*Okay, ich gebe zu, das war gelogen. Ätsch.
Mittwoch, 19. Februar 2014
Eines Tages? Jetzt? Morgen?
Eines schönen Tages spürst du Türen, trittst sie ein, und glaubst kein Wort.*
Eines Tages wirst du erwachsen werden, wirst du einen Job bekommen, der tatsächlich die Miete zahlt, eines Tages wirst du denjenigen welchen finden, der bei dir bleibt, zumindest für länger als ein Jahr; eines Tages wirst du morgens aufstehen und zum Bäcker gehen, wo sie dich siezen und den Kindern vor dir in der Schlange, die eigentlich nur die Auslagen angaffen, aber im Grunde sonst nichts an der Theke verloren haben, wird gesagt werden "Lasst mal die Frau da durch" - eines Tages wirst du erwachsen werden und du hast Verantwortung und Vernunft und möglicherweise eine Katze, die du zum Tierarzt bringst, und ein Auto, das du zum Autoarzt bringst, einen eigenen Telefonanschluss und Möbel.
Möbel.
Eines Tages ... eines Tages ist ein schöner Ausdruck, weil er folgendes impliziert: es ist nicht jetzt. Es ist eines Tages, und ob das morgen oder in einer Woche oder einem Jahr ist ist egal, denn es ist nicht jetzt sofort und dementsprechend unwichtig, denn man kann ja aus der Sicherheit des eines-Tages-Abstandes darüber philosophieren, kann Pläne schmieden ohne sich wirklich Gedanken darüber zu machen, wie man diese in die Tat umzusetzen gedenkt, denn sie sind ja nicht jetzt, sie sind - richtig, eines Tages.
Eines Tages werde ich meinen Master in London machen. Eines Tages werde ich mich probeweise an einem echten Beruf versuchen. Eines Tages werde ich sesshaft werden, eines Tages werde ich mit dem Masterplan anfangen, mit dem, was das "echte Leben" sein soll, mit dem vernünftig sein und dem allem. Jaja, irgendwann werd ich das schon tun, jetzt lass mich in ruhe, muss das ausgerechnet heute sein, ich muss Game of Thrones schauen. Ich muss Bücher lesen, ich habe so viele halb gelesene Bücher, deren penetrante Existenz durch meinen Kopf schleicht und immer mal wieder unangenehm anzüglich grinst, seitdem ich sie halbgelesen zur Seite gelegt habe, vor einem, zwei, fünf Jahren. Irgendwann werd ich das schon alles machen, oder wie sagte dieser lustige HipHoper mit der seltsam nasalen Stimme (und, ich glaube, Nena auch?) vor Jahren nicht, irgendwie fängt irgendwann irgendwo die Zukunft an. Ja, genau, alles nur nicht jetzt und hier.
Man lebt ein Leben in Hypothesen, in Möglichkeiten, in schönen Ideen und bunten Einrichtungsplänen, in Ikeaeinkaufsbummeln, bei denen man sich absolut alle Sofas anschaut, probesitztliegtsteht, und dann eine Müslischüssel kauft. Man lebt eigentlich gar nicht im diesem Jetzt, das man so eisern verteidigt, sondern in einer Vorstellung von dem, was danach kommen könnte. Irgendwie torpediert das ja ein bisschen die ganze Idee von "Gegenwart", aber immer noch besser, in einer hypothetischen Zukunft, als in der Vergangenheit zu leben, richtig?
Ganz genau. Absolut richtig und gut und wunderschön und ich mag meine Müslischüsseln! Und meine Kaffeetassen! Und meine ständig halb gepackten Kisten und meine Internetrecherchen bezüglich des nächsten Wohnorts und meine Hirngespinnste und wolkenhoch schwebenden Planungen bezüglich der nächsten zwei Monate/Stromrechnung/Weltrettung. Absolut! (Ist nicht nur Vodka, nein)
Und dann denkt man sich irgendwann, jetzt reichts doch aber auch irgendwie mal, oder? Und man fängt an, ernsthaft darüber nachzudenken, was nach dem Studium kommt. Nicht, dass man das bislang noch nie gemacht hätte. Aber zumeist, wenn derartige Überlegungen in der Vergangenheit aufkamen, gewälzt und durchdacht wurden, dann stellten sich in der Regel schnell gewisse depressive Verstimmungen ein, denen man aber effektiv durch Fernsehen/Umziehen/Studium abbrechen + neu anfangen entfliehen konnte. Womit natürlich das zugrunde liegende Problem nicht gelöst, sondern aufgeschoben worden war und sich über die Jahre dabei zu einem dicken, eingekrusteten Bodensatz entwickelt hat, den man jetzt nicht mal mehr mit Spüli und Stahlschwamm abkratzen kann. Nicht mal, wenn mans vorher eingeweicht hat.
Dann sitzt man also auf seinem Sofa, bewaffnet mit Kaffee und Laptop und stellt fest: verdammt, Master in London wird verdammt schwierig. Generell wird weiter studieren langsam schwierig, wenn auch vielleicht nur fürs Ego. Arbeiten, hingegen, könnte sich als noch ungleich schwieriger herausstellen, denn, wenn wir ehrlich zu uns sind, man kann eigentlich nichts. Der geneigte Geisteswissenschaftler kann hervorragend kellnern, verkaufen, Bücher sortieren, im Zweifelsfalle Taxi fahren oder Böden schrubben oder meinetwegen auch süßen Erstsemestern Tutorien geben - aber im Grunde können wir nichts, was im echten Leben von Nutzen wäre, oder?
Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, ob mich mein Studium in irgendeiner Form auf das, was nach dem Studium kommt, vorbereitet (hat). Wahrscheinlich haben mir meine diversen Fluchten vor dem Ernst des Lebens, paradoxerweise, langfristig betrachtet mehr genutzt, um eben jenem irgendwann die Stirn bieten zu können. Aber, und da haben wir es wieder: irgendwann. Eines Tages, alles, nur nicht heute. Sind wir denn bereit, da raus zu gehen, jetzt oder sonstwann? Sind wir irgendwann bereit, jeden Tag zur Arbeit zu gehen, ein Haus abzubezahlen, Kinder zu bekommen? Sind wir jemals bereit dazu?
Freunde von mir haben kürzlich ihr zweites Kind bekommen. Andere Freunde gehen jeden Tag zur Arbeit, ein Haus zahlt zwar keiner ab,aber irgendwie kann das ja auch nur eine Frage der Zeit sein. Und alle sind sie noch am Leben, recht fidel sogar, die meisten von ihnen. Was also, was genau ist dieses Ding, das einen davon abhält, eines Tages zu "heute" zu machen?
Ich habe ein bisschen das Gefühl, darauf keine Antwort geben zu können. Schon allein, weil meine Antwort wahrscheinlich nicht eure wäre - wenn ich ehrlich bin, dann plane ich, mich nie mit dem Abbezahlen von Häusern herumzuärgern, oder mein Auto zum Autoarzt zu bringen. So richtig Lust auf sesshaft werden habe ich auch nicht, wobei ich jetzt nicht sagen kann, ob das in zehn Jahren immer noch so sein wird.
Und vermutlich komme ich damit der Antwort auf die Frage ("Warum") so nahe wie irgend möglich - irgendwann wird eines Tages heute sein, aber mit aller größter Wahrscheinlichkeit erst dann, wenn es sich richtig anfühlt. Solange wir nicht aus familiären/wirtschaftlichen/therapeutischen/Entertainmentgründen dazu gezwungen sind, etwas zu tun, das wir nicht wollen, warum sollen wir dann? Wer keinen festen Job will und trotzdem überlebt, der soll seinen Job doch meinetwegen jedes Jahr wechseln, in Deutschland und China und auf Guadeloupe arbeiten, wenn ihm danach ist. Und wenn ihm nicht mehr danach ist, dann wird es eines Tages sein, und er wird es ändern, auch, wenn es Angst macht, auch, wenn Veränderungen gruslig sind, auch, wenn einem vorher der Arsch erst mal auf Grundeis geht. Aber wem nie der kalte Schweiß ausgebrochen ist beim Anblick des sorgsam in Kisten verpackten und in einen Transporter verstauten Lebens, der wird auch nie was zu erzählen haben, oder? Wer nie alleine im einer hallenden, leeren Wohnung saß, nie in einem wildfremden Land aus dem Flieger gestiegen ist, nie einfach mal irgendeinen Mist gemacht hat, weil ihm gerade danach war - der erzählt später von dem, was hätte sein können. Hätte er, wäre er, würde er, schöne grammatische Form, der Konjunktiv.
Eines Tages packst du deine Sachen, du hast Angst und gehst doch fort.**
Irgendwann wird eines Tages sein, und bis dahin lasse ich euch nun allein, vorerst, damit ihr Zeit habt, meine mäandernden Gedanken zu verdauen (oder schnellstmöglich wieder zu vergessen) - somit also, cheers! Ich muss jetzt Game of Thrones schauen.
*Ja, ich habe gerade eine DJane zitiert.
** Und schon wieder.
Sonntag, 16. Februar 2014
London-ish
Eine Stadt in schwarz und weiß and an expressionist painting -
ein Einbeiniger im Rollstuhl sammelt halbaufgerauchte Zigarettenstummel vor dem Ritz, zündet sie wieder an und raucht sie bis zum Filter. Ein Mann mittleren Alters sitzt auf dem überlaufenden Leicester Square, sein handgeschriebenes Pappschild erzählt von Jobverlust, Obdachlosigkeit - und er dankt dir ernsthafter für die 30 pence, die du ihm gibst, als manch anderer für größeres gedankt hat in letzter Zeit.
Unweit davon kreischen die Massen George Clooney über den Teppich, er strahlt und verteilt großzügig Autogramme; er ist ganz oben, weiter geht nicht, er kann sich sein Strahlen und seine Autogramme leisten.
In den Tiefen der U-Bahnstation sitzt ein Gitarrist und spielt die Massen zur Ruhe, Entschleunigung; ein Moment, eine kleine, schillernde Blase im kollektiv nachhause trampelnden Feierabendverkehr.
Und inmitten aller ein Saxophonist, ein Fleckchen Gold und darüber schwebend, Jazztöne, weich und langsam, ein Netz aus Tönen, in denen sich die Horde verfängt, während sie rennt und rennt, im Kunstlicht und der Kälte.
Was man so trägt -
Nur Chinesen laufen in aller Öffentlichkeit mit Mundschutz herum. Alle laufen mit ihren Smartphones vor der Nase herum; am Tisch neben mir sitzt eine Frau, die einen Bauch mit sich herumträgt, einen schwangeren, dazu eine Tüte mit der Aufschrift "The Portland Hospital". Die meisten tragen Taschen, Rucksäcke, Tüten; und viele: Schal, bei den Temperaturen. Mützen, Handschuhe, die gelegentliche Sonnenbrille, es ist sonnig und wir sind in London. Das Gebäude gegenüber trägt Gerüst, das ziemt sich so.
Eine junge Asiatin (ohne Mundschutz) trägt einen schwarzen Rucksack, auf dessen Oberfläche gleichmäßig verteilt grellgelbe Stoffstacheln in die Luft stechen, seltsam deplatziert wie die Mandelstifte, die man als Kind in schokoladenüberzogene Birnenhälften gesteckt und das ganze "Igel" genannt hat.
Viele tragen sehr große Brillen. Ein Mann, vielleicht 25, trägt eine senfgelbe Wollmütze, darüber große Kopfhörer, aus denen Musik kommt, die mysteriöserweise denselben Takt anzuschlagen scheint wie die Musik in dem Café, in dem ich sitze. Seine Schritte passen sich nahtlos in den Pop der Lautsprecher über meinem Kopf ein, die großen, silbergrauen Papiertaschen, die er symmetrisch trägt, wippen gehorsam mit. Eine Fahrradrikscha trägt sich scheinbar schwerelos am Fenster vorbei - abfallender Straße sei Dank, sitzen doch drei Menschen auf ihrem kanariengelben und schwarz überdachten dreirädrigen Gestell. In London sind die Leute auch nicht leichter als in Indien.
Hinter mir trug wohl jemand ein Tablett, bis eben. Blecherner Krach, der auf dem Boden aufdotzt und sich kurz darauf wiederholt, schwächer, dann nichts mehr. Wahrscheinlich bückt sich jetzt jemand, ächzend, eine Hand auf der Schürze abstützend. Dann trägt er es weiter.
Immer weniger Leute scheinen Zigaretten zu tragen. Der Buckingham Palace trägt einen Union Jack. Manch einer trägt einen pikierten Gesichtsausdruck. Der angejährte Mann auf dem Gehweg trägt eine schwarze Pelzmütze zu Anzug und Aktentasche, mein schwarzer Mantel trägt Flecken.
Ich trage es mit Fassung.
Und dann steigt man in den Bus und steigt in Wales wieder aus. Reduziert sein Umfeld von 8 Millionen auf 7 Einzelindividuen und Pferde. Und fragt sich, was man hier eigentlich tut - aber das, meine Lieben, wird sich zeigen.
Freitag, 31. Januar 2014
Zeitraffer, SlowMo und die Flucht nach vorne
Freunde der Nacht!
Exakt vier Monate habe ich mich in eisernes Schweigen gehüllt. Selbstredend geplant und einem höheren Zwecke dienend, is klar, ne. Und ich wünschte, ich könnte jetzt mit neuem Layout/Design/Bannerlogo/Mittagstisch mit/ohne Getränk aufwarten, aber, nee, is alles beim alten, mit Ausnahme, dass ich das Gefühl habe, ein bisschen aus der Übung zu sein. Dennoch lässt man es sich natürlich nicht nehmen, nun, in gebührendem Abstand zum letzten sinnfreien Erguss, mal wieder eine Botschaft in den Äther zu schicken. Und zwar, wie wäre es mit, ich weiß nicht, hm, Zeit.
Komische Botschaft, höre ich es da aus den hinteren Reihen, verstohlene Blicke zu den Nebensitzern in den vorderen, was ist jetzt in sie gefahren, als nächstes wird sie mit einem toten Hasen auf dem Arm von Bild zu Bild laufen und Ja Ja Ja, Nee Nee Nee murmeln bis uns die Ohren bluten. Aber seid versichert, das wird sie nicht tun, denn erstens fehlen ihr die Bilder, und zweitens der Nager. Abgesehen davon wäre dem toten Hasen die Bilder nochmal zu erklären natürlich pädagogisch höchst wertvoll und dementsprechend in näherer Zukunft in den Bildungsplan aufzunehmen, aber das nur am Rande. (Ein bisschen weiter am Rande noch als das schon: ist ein Hase überhaupt ein Nager?)
Nun aber, Zeit, rief sie theatralisch und riss die Augen auf, Zeit, das geflügelte Monster, das Schwein, das uns ein Schnippchen schlägt (ich entschuldige mit präventiv aus rechtlichen Gründen bei allen mitlesenden Schweinen. Ihr seid eine edle und verkannte Rasse, der Ente, dem königlichen Federvieh, nicht unähnlich, aber aus literarisch-phonologischen Gründen lasse ich vorangegangenen Satz trotzdem so stehen. Ätsch bätsch.). Vier Monate seitdem ich zuletzt hier war, und vier Monate, seit ich zuletzt in Deutschland war (so grob), und dazwischen? Zeitraffer.
Vielleicht ist das ja das eigentliche Problem, nicht die Zeit als solche, sondern die Art und Weise, wie sie läuft. Natürlich ist es das, ohne Zeit wäre alles ein wenig schwierig, wenn nichts vorwärts (oder rückwärts) ginge, dann ginge es nirgendwohin, wir würden faktisch auf der Stelle treten, nein, wir würden vermutlich nicht mal existieren, und was nicht ist, kann auch nicht stehen bleiben, oder sich überhaupt erst zu bewegen anfangen. Unsere Existenz wäre in der Nichtexistenz der Zeit, und ergo der Bewegung aller Dinge, im Keim erstickt worden und wir wären nichts als gedankenförmige Hypothesen, irgendwo im Äther, wo wir dann unserem potentiellen Dasein in der Theorie frönen und dabei mal so richtig über die Stränge schlagen würden. Wasn Leben.
Das Problem als solches ist also nicht die Zeit, sondern der Zeitfluss. Der während aufs absurdeste ausufernder Mathestunden scheinbar so endlos dehnbar, und während anderer, angenehmerer Tätigkeiten so ultrakomprimierbar wirkt, als gäbe es ihn gar nicht. Als wäre der Zeitfluss im Grunde auch einfach nur das, was wir wären, gäbe es die Zeit nicht: eine Idee.
Und, oh, wir driften in gefährlich philosophische Gegenden ab hier, meine Lieben. Wenn Zeit also eine bloße Idee ist, wir ohne sie aber nichts wären, zu was macht das uns dann, im Umkehrschluss?
Gut, aber damit wollten wir uns eigentlich nicht aufhalten. Darüber könnt ihr dann heute Nacht nachdenken, wenn ihr schlaflos in euren Bettchen liegt, an die Decke starrt und über die Existenz des Hundes nachdenkt. Oder auch über die Möglichkeit, dass der Mensch eine bloße Idee ist.
Gut. Bleiben wir aber beim Thema: Zeit. Vielgefürchtet, der Gegner, den es zu besiegen gilt, den aber nie jemand schlagen wird, der uns immer die Zunge rausstreckt, sei es, weil er mit wehendem Morgenrock davonsaust und uns zurücklässt, mit offenem Mund, oder sei es, weil er einfach stehen bleibt und die Landschaft bestaunt, genau dann, wenn wir nicht schnell genug davon kommen können. Trotzdem rennen wir alle gegen ihn, wollen immer schneller sein, schneller als die Zeit, die ja eigentlich ohnehin nur eine Hypothese ist, wie wir ja soeben festgestellt haben, und dementsprechend wohl eher schwer zu besiegen. Ich meine, wie wollte man die Idee von Grün besiegen? Geht nicht. Erstmal wissen wir nicht, ob jeder dieselbe Idee mit sich durch die Gegend trägt. Wer weiß? Vielleicht ist meine Idee von Grün für Versuchsperson A eigentlich Schokoladeneis und für Versuchsperson B kopulierende Bienen im Gegenlicht. Wer weiß.
Dasselbe geht aber auch für die Zeit. Nehmen wir mal American Hustle: für mich waren das entsetzlich lange zwei Stunden, für die Academy scheinbar nicht, oder woher, bitteschön, kommen diesen ganzen bizarren Oscarnominierungen? Da seht ihrs. Zeit ist relativ wie Grün relativ ist und was relativ ist lässt sich nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen, was den Kampf dagegen enorm erschwert.
Aber das nur mal dahin. Gekämpft wird ja trotzdem, dafür, damit, dagegen an. Gewinnen tut keiner, man merkts nur nicht, man spürt nur immer wieder recht deutlich, wenn man verloren hat. Wobei "verloren" auch ein seltsamer Begriff ist im Bezug auf etwas, das sich so vollkommen unserem Einfluss entzieht und, wie wir ja nun wissen, auch so grundlegend notwendig für unser gesamtes Dasein ist, dass ohne einfach nichts wäre.
Und trotzdem fühlen sich manche Dinge einfach wie Niederlagen an, wie grausame Niederlagen. Man will nichts mehr als anhalten, aussteigen, einmal drumherum gehen, tief einatmen, sich nen Kaffee holen, sich bereit machen für das, was kommt: das Ende - aber man kann nicht, die Zeit läuft weiter und pfeift dabei noch fröhlich, denn ja, sie hats mal wieder geschafft, sie hat uns überlistet.
Und dann steht man da. Und guckt dem langsam verblauenden Punkt hinterher, der eben noch jetzt gewesen ist und der nun auf einmal gestern, vor einer Woche, vor einem Jahr ist. Vorbei ist, nicht mehr wiederkommt. Und mann zieht die Nase hoch und spuckt auf den Boden, verfluchter Bastard, murmelt man, dreht sich um und geht in die andere Richtung davon.
Manchmal dauert es länger, manchmal weniger lang. Aber meistens geht es schnell, und auf dem Weg schenkt man den Kleinigkeiten zu wenig Beachtung. Das fällt einem erst ein, wenn es zu spät ist, und dann geht es nicht mehr.
Aber: Niederlage?
Nur, wenn wir es eine sein lassen. Relativ, wir erinnern uns? Keiner kann uns sagen, dass wir besiegt worden sind, wenn keiner wirklich weiß, gegen wen wir angetreten waren, und wie eine Niederlage auszusehen hat. Wir können auch einfach sagen, nein, ich nenne das jetzt einen Sieg. Oder zumindest unentschieden.
Zeit vergeht, immer, und wir können es nicht ändern. Ideen kommen und gehen, verändern sich, werden groß, ziehen aus, bauen sich ein eigenes Leben auf. Gehen zu ende, enden in einem Flug nachhause, einer Busfahrt nachhause, ein paar Tränen, aber auch in einem Neuanfang. Wir müssen uns nicht besiegen lassen, es sei denn, wir wollen es - und wer verliert schon gern? Stattdessen kann man das nehmen, was war, den kleiner und unschärfer werdenden Punkt in der Ferne nehmen und auf unser hypothetisches (da ist es wieder), imaginäres Trophäenregal stellen und darunter ein Schild anbringen. Uns daran erinnern, und uns dabei nicht ins Gedächtnis rufen, dass es wieder viel zu schnell vorbei war, dass wir nicht genug aufgepasst haben und jetzt keine Wiederholung läuft, dass wir schon wieder zu langsam waren, während uns alles davongelaufen ist - stattdessen können wir uns daran erinnern, wie schön es war, und dass wir uns glücklich schätzen können, soviel Zeit dafür gehabt zu haben. Auch wenn uns eine Woche, vier Monate, ein Leben wieder viel zu kurz erschienen sind.
In diesem Sinne, soviel zur Zeit.
Vielleicht bis bald, man gibt sich Mühe.
Slainte!
Montag, 30. September 2013
Bring it on!
... rief sie theatralisch und warf die Arme in die Luft, ehe sie ihren Bourbon Cream Biscuit in den Tea stippte. Man führe die Löwen und Gladiatoren herein, die kleinen, aber äußerst unterhaltsamen Affen, die zweiköpfige Giraffe und die Hundewelpen (für die lieben Kleinen) - es ist soweit!
Ja, oder so. Der Tea ist zwar Früchte und gestippt wird hier gar nix (wie eklig wäre das denn), außerdem mag der Uninformierte bei obigem Satz vielleicht auch eher an eine wandernde Freakshow denken, aber mei. Hätte ich gekonnt, ich hätte es noch in Gälisch dazu geschrieben, dann würdet ihr mich vollends für nicht mehr ganz dicht halten, aber, so sei es denn. Vielleicht liegt ihr damit ja nicht mal falsch, immerhin bezeichne ich das irische Wetter (für das sich alle Iren entschuldigen - fast schon ein unnatürlich höfliches Völkchen hier) als nice und habe nach fast fünf Tagen Irland noch kein einziges Bier getrunken [Anm.d.Red.: Inzwischen sind es ein paar mehr Tage und ich habe ein, in Worten: ein Bier getrunken - ein Heineken am Arthur's Day. Es grenzt an Ketzerei, man steinige mich). Oh dear.
In jedem Fall, in Stichworten: Monopolihäuser, identische; lange Straßen, gerade; Linksverkehr (da merkt man erstmal, wie sehr man an Rechtsverkehr gewöhnt ist - ich schaue _immer_ in die falsche Richtung, wenn ich über die Straße geh, dabei war ich mir vorher nicht mal bewusst, dass ich überhaupt in einer bestimmten Reihenfolge nach Autos schaue); Wolkenhimmel, tiefhängender; nur ein Tag Regen von fünf: really? and that's supposed to be Ireland? [attention attention bad joke alert]; Dublin: [Dublin] statt [Dablin] (mein IPA ist ein wenig rostig, man verzeihe den frevulösen Einsatz regulärer Buchstaben in meiner improvisierten Lautschrift); Guiness, ohne Kommentar; Lidl, trotz allem; plötzlich bin ich überall Isabell statt Frau K., very nice indeed! Etc. pp.
So langsam gewöhnt man sich auch ans ewige zu Fuß gehen, hat Dublin erstbesichtigt und für gut befunden, hatte bereits ein imaginäres Schwätzchen mit James Joyce und erfreut sich auch sonst weitgehend restlos des Inseldaseins. Besonders unterhaltsam: die irische Deutschdozentin, die trotz perfektem Deutsch das Wort "der Irre" wie "der Ire" aussprach und damit sehr zum Unterhaltungswert des Seminars beigetragen hat, zumindest in meiner kleinen, unrepräsentativen Ecke des Universums [unqualifiizierter Einschub tieferer Hirnregionen: hihi].
Alles in allem also sehr schön hier. Leider keine Zeit/freie Hirnkapazitäten für mehr an dieser Stelle, auch die hohe Kunst des Filme rezensierens und ausschweifend über Bücher lamentierens muss derzeit geduldig am Cookie knibbeln und auf besser Wetter warten - aber bald, Freunde, bald! Spätestens wenn ich den Ulysses besiegt habe, und ja, ich plane diesen leicht wahnvorstellungsgeplagten Plan in die Tat umzusetzen.
In any case - ich grüße euch aus der Ferne, mache ein wenig größere Rauchzeichen als sonst, um Irland/England/Frankreich zu überbrücken und dabei nicht vom Regen weggewaschen zu werden.
Cheers!
Dienstag, 30. Juli 2013
Ambivalenz II
Freunde der fetzigen Unterhaltungsmusik,
ja, ich gebe zu, wir haben das hier auch schon mal regelmäßiger gemacht. Und jetzt hat sie auch noch zwei davon! Tja, was ich mir dabei gedacht habe, weiß ich auch nicht so genau. Aber wie viele können schon von sich behaupten, zwei scheinlebendige Blogleichen im virtuellen Keller zu haben, hm? Seht ihr. Wenn man kein Vorbild sein kann, dann sollte man wenigstens ein abschreckendes Beispiel sein (das Motto so vieler Menschen dieser Erde ...).
Trotz allem dachte ich, ich puste mal wieder ein bisschen Zeug in den Äther, so wie andere Leute im Herbst heruntergefallenes Laub mit diesen ominösen Laubpustern in die Luft blasen: für nix und wieder nix. (Erwähnte ich eigentlich mal - so, in dem Zusammenhang jetzt - dass ich es sehr begrüßen würde, wenn der Sommer jetzt mal sein Bündel packen und gehen könnte? So, wieder paar Feinde gemacht, und das schon um halb eins! Sie übertreffen sich mal wieder selbst, Frau K.)
In jedem Fall erlebe ich in letzter Zeit glaube ich das erste Mal, seitdem ich aus dem fernen Indien heim (!) geflogen bin, wie es sich anfühlt, wenn man wo eigentlich nicht weg will. Oder, schon weg will, aber gleichzeitig eben auch nicht (-> http://nachtsimwald.blogspot.de/2011/07/ambivalenz.html - ich liebe es, mich selbst zu zitieren ...).
Konkreter: im September fliege ich nach Irland, und dann bleibe ich da erstmal für zehn Monate. Ziemlich geil, ja, find ich auch. Trotzdem komisch. Da zetert man wirklich zwei Jahre lang ununterbrochen über dieses unsere Dörflein, das sich da Tübingen nennt, und dann bekommt man endlich die Gelegenheit, quasi ganz legal, ohne mal wieder alle Brücken hinter sich abzubrechen, wegzugehen, und dann geht einem plötzlich der Arsch auf Grundeis. Das ist jetzt tatsächlich eine ziemlich neue Erfahrung für mich, habe ich umziehen und neu anfangen bisher doch immer nur mit rettender Flucht nach vorne assoziiert, und wäre nie im Leben auf die hanebüchene Idee verfallen vor sowas Angst zu haben. Leute, die ihr ganzes Studium in einer einzigen Stadt durchziehen, weil sie Schiss vor einem kompletten Neuanfang haben, auch wenn sie gerne wechseln würden? Pah! Hab ich nie verstehen können. Und obwohl ich in der jetzigen Situation immer noch absolut nicht gewillt bin, meinen Sorgen und dummseligen Befürchtungen Zugeständnisse zu machen, indem ich hier bleibe: langsam komm ich drauf, was so gespenstisch ist am Weggehen. Auch, wenn man wiederkommt.
Und ja, ich weiß. Wenn man mal da ist, ist alles halb so schlimm. Sobald meine Füße auf irish soil stehen, werde ich gar nicht mehr weg wollen. Da bin ich mir sogar ziemlich sicher, und vermutlich wird die Heimreise aus Irland ins possierliche Tübingen im kommenden Sommer nicht minder zittrig als die Hinreise jetzt. Aber so ist es eben, Leben ohne Anstrengungen, ohne Umwege und ohne Hindernisse, die es zu überwinden gilt, wäre ja auch nicht mehr wirklich Leben, oder? Wenn alles nur noch in ruhigen Bahnen plätschert und eigentlich alles getan ist, man nur noch wartet ... Man, ich hab Schiss vor der Rente. Okay, ich gebe zu, das ist jetzt wirklich noch kein Thema, über das ich mir Sorgen machen sollte.
Und so setzt man sich also in den Flieger und fliegt. Da können jetzt vorher die Hände schwitzen und die Nächte durchwacht sein, wie sie wollen - manche Dinge muss man tun, um zufrieden zu sein, glaube ich, auch wenn die einfache Lösung wäre, sie bleiben zu lassen. "Coming back to where you started is not the same as never leaving" - das sagt schon Terry Pratchett (dann muss es ja stimmen).
In diesem Sinne: let's have the craic! Die Leprechauns werden mich schon retten.
(Nein, die Iren sind nicht alle drauf wies Messer. Und "the craic" ist auch keine drogeninduzierte Addition der englischen Sprache im irischen Raum. Es ist einfach so.)
P.S.: Beißt ihr euch eigentlich auch so verdammt oft beim Essen auf die Backe? Manchmal glaube ich, ich hab zu wenig Kiefer für zu viel Zahn (wenn man meine Schneidezähne mal so anschaut, wie sie da in inniger Hingabe übereinander lappen, liege ich damit vermutlich gar nicht so falsch), oder einfach zu viel Backe. Hm.
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